Urbane Technologie für soziale Gerechtigkeit

Gesa Ziemer berichtet aus dem City Science Lab in Hamburg.

Der folgende Artikel erscheint mit freundlicher Genehmigung vom Tagesspiegel Background und wurde dort am 04. September 2024 veröffentlicht.

 

Die technologische Welt steht vor einem tiefen Umbruch – nicht nur durch Innovationen, sondern auch durch ideologische Einflüsse, konstatiert Professorin Gesa Ziemer im Werkstattbericht. Was passiert, wenn technologische Fortschritte mit ultrarechter Ideologie verknüpft werden?

 

Eigentlich verfasse ich in für den Tagesspiegel Background Smart City Werkstattberichte, die beschreiben, wie wir im City Science Lab Hamburg welche Smart-City-Anwendungen produzieren. Dies könnte ich heute wieder tun. Denn natürlich haben wir wieder neue Projekte in der Pipeline. Ich könnte darüber berichten, wie wir mit einer Arbeitsgruppe wichtige technische Standards festgelegt haben für Open-Source-Technologien, die nun auf den Marktplatz für die Modellprojekte Smart Cities gestellt werden. Oder ich könnte über eine von uns entwickelte Modellplattform schreiben, auf der man im digitalen Zwilling Hamburg inzwischen ganze Modelle teilen kann, oder ich könnte zusammenfassen, wie wir uns mit KI-Agenten beschäftigen.

 

Mir scheint allerdings ein anderes Thema aus unserer Forschungswerkstatt heute wichtiger. Dieses hat mit der aktuellen politischen Lage zu tun, denn die vierzig Mitarbeitenden, die bei uns aus fünfzehn Ländern kommen, betreten gerade jeden Morgen verwirrt, betrübt, wütend oder einfach nur ratlos das Lab.

 

Jeden Morgen lesen wir bizarre Nachrichten aus den USA. Gerade erst vernahm ich, dass ein Ex-Fernsehmoderator zum Verteidigungsminister gewählt wurde, verklagt wegen sexueller Übergriffe, für Alkoholexzesse bekannt, ohne Qualifikation und Führungserfahrung und noch nicht mal von der eigenen Partei als wählbar eingestuft. Seit Wochen sind wir mit solchen grotesken Nachrichten konfrontiert, die wir in unserem Wertesystem nicht mehr erfassen können. Die neue Regierung hat zudem verkündet, mithilfe einiger privater Unternehmen 500 Milliarden Dollar in das Projekt Stargate zu investieren, genauer in den Bau von Rechenzentren, die benötigt werden, um gigantische Mengen an Daten zu verarbeiten, auf denen KI-Anwendungen zukünftig basieren.

 

Ob diese astronomische Summe wirklich existiert oder nicht: Diese Entscheidung zeigt die Haltung, mit der technologische Entwicklungen in den USA vorangetrieben werden, während wir in Europa vor allem an wertebasierten Regulierungen für KI arbeiten und Investments in Technologie, auch in Tech-Start-ups, aufgrund der schlechten Wirtschaftslage zurückfahren. Unsere Städte sind in Sachen Umsetzung digitaler Innovationen weiterhin sehr vorsichtig und langsam, wenn wir die Projekte daran messen, was technologisch alles bereits möglich wäre.

 

Technologie und ultra-rechte Ideologie

 

Wie soll man nun umgehen mit diesem enormen transatlantischen Ungleichgewicht? Zweifelsohne wird KI zukünftig disruptiv wirken. Zwar nicht wie bei anderen technischen Revolutionen wie der Eisenbahn, die plötzlich fertig war und fuhr, sondern unsichtbarer und fortwährender.

 

Mich beunruhigen nicht die großen Investitionssummen in KI, denn das dynamisiert trotz kritischer Reflexion unseren Arbeitsalltag. Mich beunruhigt eher, dass Technologieentwicklung ab jetzt ungehemmt mit ultra-rechter, nationalistischer Ideologie verbunden scheint. Diese Kopplung macht uns, die wir in der Technologiebranche forschen und viele Partner:innen in den USA haben, mehr als nachdenklich und es ist für unsere Arbeit schädlich. Könnten wir nicht weiterhin Technologie entwickeln, ohne scheußlichen Hitlergruß?

 

Der Zusammenhang ist komplex. Eine Erklärung ist sicher, dass Regierungsnähe im konservativen Milieu wenig staatliche Regulierung verspricht – was die Barrieren für KI-Innovationen beiseite schafft und wodurch sich ein riesiger Markt eröffnet. Dies heißt allerdings noch nicht, dass man gleich so weit nach rechts abdriften muss, wie es derzeit viele Tech-Bosse tun. Es gibt offensichtlich eine Normverschiebung im öffentlichen Diskurs, die vermeintliche Orientierung schafft, die Angst vor Veränderung nimmt oder die als lange überfällige Rebellion gegen sogenannte Political Correctness verstanden wird.

 

Alle Technologieunternehmen müssen mit der Regierung zusammenarbeiten, egal wie diese zusammengesetzt ist. Das war immer so. Auch wir haben schon mit einigen Unternehmen, die im Weißen Haus bei der Regierungsbildung in der ersten Reihe standen, zusammengearbeitet. Und ich weiß, dass diese keine ultra-rechten Ideologien in sich tragen. Im Gegenteil: Gerade in unserer Branche, die ständig innovativ und deshalb kreativ sein muss, arbeiten viele neurodivergente Menschen unterschiedlichen Geschlechts und mit verschiedensten kulturellen Hintergründen – also alles Menschen, gegen die die Rechten wettern. Ich habe vor allem in den USA gelernt, wie man Diversität respektiert, davon sogar profitiert und wie freundlich man zueinander ist.

 

Unsere Kooperation mit den USA

 

Da wir seit mehr als zehn Jahren in einer engen Kooperation mit dem MIT Media Lab, einer Fakultät des Massachusetts Institute of Technology, arbeiten und wir uns als Kolleg:innen sehr schätzen, ist uns die US-amerikanische Arbeitsweise sehr vertraut. Sie ist Teil unseres Arbeitsalltages. Wir haben viel von den Kolleg:innen gelernt: „Hands on“ arbeiten, gut präsentieren, pitchen, lachen bei der Arbeit und auch mal spekulieren und es „on the run“ dann besser machen, anstatt vorher lange Konzepte schreiben.

 

Das MIT gilt weiterhin als eines der renommiertesten Forschungsinstitutionen weltweit. Die Arbeitsatmosphäre dort ist einmalig und hat mich sehr geprägt. Andersherum interessiert sich die MIT-Forschungsgruppe für unsere guten Anwendungsfälle demokratischer Stadtentwicklung, für die gute Qualität unserer Codes und auch für unsere sozialwissenschaftlichen Impulse für die Technologieentwicklung. Dies alles geschieht in einer sehr respektvollen, kollegialen Zusammenarbeit. Wir finden immer eine ausbalancierte und produktive Mitte, in der beide Seiten voneinander profitieren. Das MIT Media Lab wird sich zukünftig mit mehr Politiker:innen auseinandersetzen müssen, die offen rassistisch sind und ultra-rechte Ideologien vertreten. Genauso wird es uns ergehen, denn auch hier sehen wir ähnliche Entwicklungen.

 

Was tun?

 

Das ist die berühmte Frage, die wir uns im Team aktuell jeden Tag stellen. In unserem Team schwankt die Stimmung von „Ich lese ab jetzt keine Zeitung mehr“ hin zu „Nicht nur wählen gehen, sondern in Parteien eintreten“. Letzteres wollten wir gerade als Wissenschaftler:innen nie wollten. Wir fragen uns jüngst sogar: „Sollen wir eine Bewegung Tech gegen Rechts starten?“. Der Ton wird aggressiv bleiben. Es wird zu disruptiver KI kommen, die nicht wir entwickeln, sondern Kolleg:innen in den USA und in China. Das bleibt für uns interessant und natürlich werden wir unter uns in Freundschaft weiterarbeiten.

 

Auch die gesellschaftliche Disruption wird weiter gehen und wir müssen mehr und mehr mit jenen zusammenarbeiten, deren Werte ich niemals teilen werde. Kann man dafür Skills entwickeln? Oder müssen wir uns dezidiert fernhalten von zersetzenden Ideologien? Geht das überhaupt noch, wenn diese doch überall präsent sind? Laut positionieren müssen wir uns weiterhin, aber eine Distanzierung wird in der Technologiewelt nicht möglich sein. Wir müssen zusammenarbeiten – nicht zwingend schon jetzt, aber später. Wir werden die Ultra-Rechten nicht überzeugen. Sie werden Wirkung erzeugen, ihren Schaden selber erleben und viele von ihnen werden leider nicht viel daraus lernen.

 

Wir werden einen freiheitlichen, gesellschaftlichen Rückschritt erleben. Und dennoch wird es irgendeine Form der Zusammenarbeit geben müssen. Vielleicht so etwas wie Konflikt- oder Dissonanz-Kooperationen, Zweckgemeinschaften oder Kollaboration unter Vorbehalt? Was werden das wohl für Dynamiken? Mir ist es wichtig hier zu schreiben, dass wir im Team alles dafür tun werden, unsere Diversität nicht nur zu erhalten, sondern weiter zu fördern. Sie ist bis jetzt ein Schlüssel zu unserem Erfolg.

 

Es wird wohl auch zu Zerstörung kommen, denn autoritäre Ideologien mit viel Technologiewissen haben noch nirgends in der Welt Gutes hervorgebracht. Es wird mit Sicherheit zu Unterdrückung und Verfolgung von Minderheiten und auch zu Kriegen kommen. Dann wird man zerstörte Städte und Regionen wieder aufbauen müssen und viele Menschen ihre Traumata verarbeiten müssen. Wer technologisches Wissen hat, wird auch den Krieg gewinnen. Welche KI bis dahin entwickelt ist, können wir uns bis jetzt nur ansatzweise vorstellen, aber sie wird dann auch beim Wiederaufbau helfen. Ein Krieg, der auch ein Kampf der Werteist, findet aktuell bereits statt – und zwar in der Ukraine. Dort arbeiten wir schon zum Thema Wiederaufbau. Nicht freiwillig, sondern weil wir unsere Nachbarn unterstützen müssen. Wie Wiederaufbau mit digitalisierten Daten funktioniert, diskutieren wir bei unserer hybriden Konferenz am 19. und 20. Februar in Kyiv und Hamburg mit dem Titel: „Liberty, Equity, Innovations: Digital Tools and Data for Ukrainian Recovery“.

 

Gesa Ziemer ist Professorin für Kulturtheorie und leitet an der Hafencity Universität Hamburg seit 2015 das City Science Lab, das die Veränderung von Städten durch die Digitalisierung erforscht. Seit 2021 fungiert sie als akademische Leiterin für UNITAC Hamburg, ein Innovations- und Technologieakzelerator der Vereinten Nationen für Städte mit UN-Habitat.

 

Prof. Dr. Gesa Ziemer
HafenCity Universität

Henning - Voscherau - Platz 1

20457 Hamburg

Germany

 

 

gesa.ziemer@hcu-hamburg.de

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